Nachruf auf Prof. Dr. Klas Diederich (1938 – 2026)
Prof. Dr. Klas Diederich (Quelle: Renate Schmid, Archives of the Mathematisches Forschungsinstitut Oberwolfach, CC-SA-2.0)
Klas Diederich wurde am 26. Oktober 1938 in Wuppertal geboren. Er besuchte in Wuppertal die Waldorfschule und legte 1958 am neusprachlich-humanistischen Gymnasium Wuppertal-Barmen das Abitur ab. Anschließend studierte er an der Universität Göttingen Mathematik und Physik sowie Philosophie und Pädagogik. 1964 bestand er die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen in den Fächern Mathematik und Physik und setzte danach sein Mathematikstudium fort. Zu seinen prägenden akademischen Lehrern gehörten Hans Grauert und Reinhold Remmert.
1967 wurde Klas Diederich bei Hans Grauert mit einer Arbeit über das „Randverhalten der Bergmannschen Kernfunktion und Metrik auf streng pseudokonvexen Gebieten“ promoviert. Nach einer Tätigkeit am Mathematischen Institut der Universität Göttingen wechselte er Ende der 1960er Jahre an die Universität Münster. Dort habilitierte er sich 1972 und war anschließend als Wissenschaftlicher Rat und Professor tätig. Ein wichtiger Abschnitt seiner wissenschaftlichen Entwicklung war ein Gastaufenthalt an der Princeton University 1974/75, in dessen Umfeld sich auch seine langjährige und außerordentlich erfolgreiche Zusammenarbeit mit John Erik Fornæss entwickelte.
1978 folgte Klas Diederich einem Ruf an die noch junge Gesamthochschule Wuppertal. Hier gründete er die Arbeitsgruppe Komplexe Analysis im Fachbereich Mathematik. Zusammen mit Ingo Lieb organisierte er die Arbeitsgemeinschaft Bonn-Wuppertal. 1990 richtete er in Wuppertal einen internationalen Workshop zu Ehren von Hans Grauert aus. Zudem leitete Diederich mit Takeo Ohsawa und Edgar Lee Stout die Workshop-Reihe „Reelle Methoden in der Komplexen Analysis“ am Mathematischen Forschungsinstitut Oberwolfach.
Neben seiner Forschung und Lehre engagierte er sich intensiv in der akademischen Selbstverwaltung. 1980 wurde er Dekan des Fachbereichs Mathematik. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2004 prägte er über mehr als zweieinhalb Jahrzehnte die Mathematik in Wuppertal. Auch danach blieb er wissenschaftlich aktiv.
Klas Diederich leistete tiefgreifende und vielfältige Beiträge zur komplexen Analysis mehrerer Veränderlicher. Er verfasste etwa 100 Publikationen. In seiner Göttinger Dissertation führte er das Lokalisierungsprinzip zur Untersuchung des Randverhaltens des Bergman-Kerns und der Bergman-Metrik ein. Seine grundlegende Arbeit zusammen mit John Erik Fornæss über pseudokonvexe Gebiete etablierte die Diederich-Fornæss definierenden Funktionen, die berühmten „Wurmgebiete“, sowie die Randfortsetzung eigentlicher holomorpher Abbildungen zwischen pseudokonvexen Gebieten mit reell analytischem Rand. Letztere wurde in Zusammenarbeit mit Sergey Pinchuk auf nicht notwendigerweise pseudokonvexe Gebiete verallgemeinert. Des Weiteren war das Levi-Problem über Steinschen Räumen mit isolierten Singularitäten Gegenstand seiner Arbeit mit Mihnea Colţoiu. Gemeinsam mit Takeo Ohsawa trug er zur Untersuchung von Gebieten mit Levi-flachem Rand bei. Zuletzt befasste er sich mit John Erik Fornæss und Erlend Fornæss Wold mit der Geometrie der Squeezing-Funktion.
Als Hochschullehrer vermittelte Klas Diederich seine Begeisterung für Mathematik über viele Jahrzehnte an Studierende und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. In Wuppertal betreute er acht Promotionen und trug wesentlich dazu bei, die Komplexe Analysis dauerhaft als bedeutendes Forschungsgebiet an der Universität zu etablieren.
Seine Interessen reichten weit über die Mathematik hinaus. Musik, Literatur und Kunst nahmen in seinem Leben einen wichtigen Platz ein. Er war ein passionierter Geiger und musizierte unter anderem in einem Streichquartett mit Kollegen. Seit jungen Jahren beschäftigte er sich zudem intensiv mit Anthroposophie und Waldorfpädagogik, veröffentlichte zu diesen Themen und engagierte sich insbesondere in den 1970er Jahren bei Tagungen und Initiativen für junge Menschen.
Mit Klas Diederich verliert die Bergische Universität Wuppertal einen herausragenden Wissenschaftler, engagierten Hochschullehrer und einen Kollegen, der die Entwicklung der Mathematik an unserer Universität über Jahrzehnte maßgeblich mitgestaltet und ihr weit über Wuppertal hinaus internationale Sichtbarkeit verliehen hat.
Die Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften wird Prof. Dr. Klas Diederich ein ehrendes Andenken bewahren. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie und allen, die ihm nahestanden.
Prof. Dr. Francesco Knechtli
Dekan der Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften
im Namen aller Kolleginnen und Kollegen